Nachbericht zu:

Strategy Talk
Die Welt aus den Augen eines Investors

Wer das Kapital und den richtigen Riecher für die nächste große Idee hat, investiert sein Geld in Startups. Strategie Austria lud zum Strategy Talk ins weXelerate, dem größten Start-up-Hub Europas.

Das Thema Startups ist in aller Munde. Wien investiert viel Geld in die Förderung junger UnternehmerInnen, neuer Ideen und das Image eines innovationsorientierten Standorts. Auch die Zahl der Business Angels wuchs in den vergangenen Jahren stetig. Wer das Kapital und den richtigen Riecher für die nächste große Idee hat, investiert sein Geld in Startups. Strategie Austria lud zum STRATEGY TALK ins weXelerate, dem größten Startup Hub Europas.

Nach einem Get-together der strategieinteressierten Gäste startete Dieter Rappold (Speedinvest / Speedinvest Pirates) ein bemerkenswertes Impulsreferat aus der Makroperspektive und lieferte Thesen um sein Modell des „traditional funding funnels“, um dann mit den beiden umtriebigen Investoren – Lucanus Polagnoli, Partner bei Speedinvest und Lukas Püspök, Partner bei PUSH Ventures – in eine spannende Diskussion zu gehen. Das bestens gelaunte und aktive Publikum erhielt Antworten auf relevante Fragen: Wie kommt man zu diesem richtigen Riecher? Nach welchen Strategien entscheiden Investoren, ob sie ihr eigenes Geld in die Ideen anderer stecken? Und was können Startups in ihrer Konzeption und Präsentation beachten um das gewünschte Investment an Land zu ziehen?

Dieter Rappold – als Business Angel aktiv sowie als Gründer & CEO der Speedinvest Pirates mit Startups vertraut – erklärte zum Start das ausgediente Mindset hinter Investments: „Wir gehen davon aus, dass Kapital ein knappes Gut sei. So schauen wir auch auf Investitionen und was es braucht, diese wieder hereinzuspielen.“ Der Approach entstand: Schränke das Feld ein in das du investierst. Investiere in „sure bets“ (Sicherheit). Sortiere früh aus. Und wenn dir dennoch Geld überbleibt: Aktienrückkauf (buy back own stocks). Ein relativ uninspirierter Zugang.

Long-term planning und kontinuierliches Improvement (weil man hat sich schließlich dafür entschieden) machen allerdings nur Sinn, wenn die Kapitalkosten wie in den 80ern bei 16% liegen. 2015 lag das „weighted average cost of capital“ allerdings bereits bei einem Drittel, nämlich 5,3%. Nur haben die Investoren die Anzahl ihrer Projekte nicht verdreifacht.

Die grundlegenden Paradigmen haben sich also nicht verändert, denn die Entscheider wurden in den 80ern geprägt und sozialisiert.

The times they are changing

Die Entwicklung der Geldmenge M3 stieg seit den Achtzigern auf ein Vielfaches an um den makroökonomischen Herausforderungen zu begegnen – und noch ist kein Gegentrend absehbar. Wir leben in einer Zeit, in der Institutionen die Geldmenge ausweiten und wir dank langer Friedensphasen auf großen Geldmengen sitzen. Diese werden auch nicht „weginflationiert“ wie in vergangenen Jahrzehnten. Was bedeutet das für Investoren? „In Zeiten, wo Kapital teuer war, machte es noch Sinn, dass Profitabilität über Wachstum-Investments trumpft. Heute stellt sich eine andere Frage: Halte ich es aus, auf lineares Wachstum zu verzichten?“, brachte es Dieter Rappold auf den Punkt.

Ist die Zeit der Erbsenzähler vorbei?

„Finanzierung ist kein Wettbewerbsvorteil mehr. Was heute wirklich knappes gut ist, sind Skills und Fähigkeiten um Wachstumsideen in erfolgreiche neue Produkte, Services und Businesses zu übersetzen.“ Wie man heute richtige Investitionsentscheidungen setzt, erklärte Dieter Rappold weiter in einigen zugespitzten Regeln:

  1. Refinanzierungs-Rate runtersetzen und dem Markt anpassen
  2. Wachstum fokussieren statt Profitabilität
  3. In Experimente investieren (und auf viele kleine Investments setzen)
  4. Schnell lernen, welche Ventures verlieren
  5. Gewinner unterstützen und nähren
  6. If you want to win big, be prepared to lose small several times

„Wenn Kommunikation Wirklichkeit schafft, dann hat sie auch Einfluss auf Investments“, schloss er sein Referat und bat seine Gäste am Podium um Antworten auf folgende persönliche Fragen.

Lukas Püspök: Family Investment

Nach einer Reise wusste Lukas Püspök monatelang nicht, wofür er sich beruflich engagieren wollte. Als dann sein Onkel anrief und fragte, ob er in Windkraftprojekten mit ihm zusammenarbeiten wolle, ging sein Engagement im Family-Investment los. Heute ist er mit seiner Familie größter Betreiber von Windparks in Österreich und im angrenzenden Ausland. „Es hat viel mit Lobbying aber wenig mit Innovation zu tun.“ Deshalb reiste er weiter in die Welt der Investoren und setzte bereits 14 Startup Investments um.

Die drei besten Investments?

  • mySugr
  • mimo (learn how to code on mobile)
  • anyline (bringt Smartphone bei, aus eigenen Handy-Kurzvideos Texte wie Energiemeters zu lesen)

Ein Investment das schiefgegangen ist?

„Als Teil einer großen Investorengruppe, nach ein paar Monaten war das ganze Geld weg und ich hab wahnsinnig viel gelernt.“

Was ist deine Strategie beim Investieren?

„Ich investiere mit Menschen die so ticken wie ich und in Menschen, die so ticken wie ich. Dabei suche ich nicht nach Clones von mir, aber ich suche Leute, die mit mir durch dick und dünn gehen. Die nie denken ‚das war’s jetzt!´ und die Strategie auch immer wieder neu denken.“

Lucanus Polagnoli: Venture Capital

„Ich hab in Oberösterreich nur Hochdeutsch gelernt, deshalb war ich dort unfähig und musste nach Wien. Ich hab studiert, mein bester Move war dann nach Australien zu gehen und so wollte ich auch in Österreich was Größeres machen. Dr. Grossnigg hat mir gelehrt wie man Kaputtes aufrichtet, Hansi Hansmann wie man aus Nix was macht, und jetzt bin ich Partner bei Speedinvest, dem größten VC in Österreich (der „nur fremdes“ Geld verwaltet), und verantwortlich vor allem für die Bereiche Hardware und Health.“

Die drei besten Investments?

  • Die Eintrittsgebühr in den Segelclub als Dreizehnjähriger. „90€ und ich hab meine besten Freunde und mein Netzwerk gefunden.“
  • „Eine around the world tour – mit meiner Frau. Wir haben in Zimmern ohne Fenster geschlafen und das war einer der besten Eindrücke meines Lebens.“
  • Knapp 1 Mio. Euro in playbrush. „Wir machen damit die Welt ein bisschen besser – und es ist auch gut, dass wir daran etwas verdienen.“

Ein Investment das schiefgegangen ist?

Das Investment ins Projekt eines Freundes. „Investiere nur in etwas, das du verstehst. (Dr. Grossnig)“

Was ist deine Strategie beim Investieren?

„Man muss auf den Markt schauen. Wenn man das Gefühl hat, dass an einer Opportunity was dran ist, das Sinn macht – dann findet sich auch jemand mit Geld.“

Dieter Rappold: Privater Business Angel

Die drei besten Investments?

  • Tubics (SaaS Angebot von SEO für YouTube Videos)
  • Hektar & Nektar (Bienenplattform mit den Gründern von kununu)
  • Listrat (High-Tech Lasertechnologie für Anwendungsfelder in der Industrie)

Ein Investment das schiefgegangen ist?

„Ich dachte mit 19, ich hab‘ heraußen wie die Börse funktioniert. Mit 19 – und Abonnent vom Börse-Kurier – hatte ich ca. ATS 200.000,- zusammen. Unterschiedliche Verwandte und Kollegen vom Job haben mir Geld anvertraut und ich hab mit ATS 700k an der Börse spekuliert. Ein Jahr später war ich bei minus 30%. Meinen Investoren hab ich Ihre Einlagen zu 100% zurückgezahlt – gedeckt habe ich alle Verluste mit meinen Einlagen. Danach gründete ich mein Unternehmen und meine Eltern dachten, jetzt ist er endgültig verrückt.“

Die anschließende Diskussion der Speaker untereinander und auf Fragen des lebhaften Publikums gibt’s hier in ungeschminkten Zitaten zusammengefasst:

#Strategy

„Am Ende geht es um People und um Culture – und culture eats strategy for breaktfast. Deshalb ist es so wichtig, diese „people´s perspective“ einzunehmen.“ (Lucanus Polagnoli)

#Linear growth vs. Exponential growth

„Die Grafiken und die Aussage „Learn to quickly spot and get out of loosing ventures“ lassen vermuten, man müsste nur warten, dann käme das Wachstum von selbst. Aber wann? Und wie lang reicht die Geduld? Wer aus der Corporate Welt kommt ist nicht gewohnt, dass es sehr lange braucht, bis die Kurve ansteigt.“ (Lukas Püspök)

#Outliers

„Venture Capital ist nur ein kleiner Prozentsatz. Diese Outliers bekommen einen bestimmten Teil. Ich frage mich: Wieviele Projekte mach ich, die vollkommen crazy sind, und für wieviel Prozent meines Vermögens? Man muss entscheiden, ob man es innerhalb oder außerhalb der eigenen Organisation macht. Nur außerhalb der Organisation kann es klappen, weil diese ein Startup sonst erdrückt.“ (Lucanus Polagnoli)

#Ökosystem Start-up

„Wir jammern in Europa, dass wir kein Google, Amazon oder Facebook haben und schaffen dabei aber keine Rahmenbedingungen und kein Mindset, damit so ein Ökosystem entstehen kann. Lassen wir doch zu, dass Menschen Räume schaffen, die wir uns nicht vorstellen können!“ (Dieter Rappold)

#KPIs

„Wenn es nicht um Monetarisierung geht, welche KPIs sind dann wichtig? Von Growth zu Profitabilität muss nur ein Schalter umgelegt werden, aber der kann ein Startup zerstören.“ (Lucanus Polagnoli)

#Scheitern

„Startups müssen scheitern können – aber diese Scheiterkultur ist doch ein Blödsinn für Unternehmen. Wer hat Karriere gemacht, weil er seinem Chef sagen konnte, er ist gescheitert? Er kommt weiter wenn er safe ist!“ (Dieter Rappold)

#Kultur

„Unternehmen müssen neue Arbeitsweisen ermöglichen, damit Menschen anders arbeiten können.“ (Lukas Püspök)

#Team

„In Startups hör ich Stehsätze wie: Team, Team, Team (wie in der Immobilienbranche: Lage, Lage, Lage) – und doch stimmt es. Ein Problem ist natürlich, dass man als Investor zuerst die Idee am Tisch hat und erst später das Team. Einen kleinen Einblick bekommt man immerhin über das Gespräch mit dem Gründer.“ (Lukas Püspök)

#Pitch

„Wir haben +1.600 Businesspläne angeschaut das Jahr. Die besten Ideen kommen aber über social proof, also Leute die wir schon kennen. Business Angels empfehlen uns Menschen vor der Idee, die der dann selbst pitcht. Wie im echten Leben funkt es oder nicht.“ (Lucanus Polagnoli)

#derrichtigeRiecher

„Wir investieren in vier bis sechs Unternehmen pro Jahr und wissen, dass einige schiefgehen. Anfangs, um einen Mehrwert einzubringen. Aber wenn man mit erfahrenen Leuten aus dem Silicon Valley spricht sagen sie, dass alle nach DEM EINEN FONDS suchen. Ist das ein Unternehmen, das es schaffen könnte? Das ist eine andere Entscheidung, als in nette Projekte zu investieren.“ (Lukas Püspök)

#Opportunities

„Eine gute Regel ist, wenn man auf den Founder schaut: Kann er Following kreieren? Ist er in der Lage, einen Impuls zu setzen, der inspiriert und dem Menschen – Investoren, MitarbeiterInnen – und der Markt folgen? 2 von 3 ist gut!“ (Dieter Rappold)

#Gefühl

„Es ist wie eine Ehe: Wenn man am Anfang schon unsicher ist, dann wird es wohl nicht lange halten. Als Founder muss man auch das Gefühl haben, dass man sich gemeinsam in ein Boot setzen will. Übrigens mache ich das mit meinen Partnern wirklich um zu schauen, ob man schwierige Situationen miteinander meistern kann.“ (Lucanus Polagnoli)

#sexy

„Sexy ist für mich als Investor ein Produkt, das mich begeistert. Ich muss ja ein Investoren Komitee begeistern können!“ (Lucanus Polagnoli) „Schwierig ist es, wenn es nichtmal der Gründer sexy findet. Komplizierte Erklärungen machen es auch nicht besser. Im b2c-Bereich gilt z.B. „eye candy“ als sexy – growth protential braucht es aber auch.“ (Lukas Püspök)

Am Ende der kurzweiligen wie gehaltvollen Diskussion galten Dank und Applaus vor allem der seltenen Bereitschaft dieser freimütigen Insider, sich on stage zu exponierten. Eine einzigartige Chance für das Publikum, hinter den Vorhang und in die Strategien dreier Investoren zu blicken.

  • Organisation: Lena Enziger & Lucas Amadeus Unger
  • Text: Lena Enzinger
  • Fotos: Fernanda Nigro

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