Der erste International Strategy Slam ist entschieden!

Im leuchtenden Billrothhaus begrüßte uns Niki Ernst (TEDx Ambassagdor und Co-Founder der Silicon Valley Inspiration Tours) mit ein paar Fragen um das Publikum kennenzulernen:

Am weitesten angereist war ein Gast aus Valencia, der Älteste war 81 – die Jüngste 20. Ein Gefühl für das Publikum war somit rasch da, wir waren angekommen, der Sound-Test pushte die Stimmung schnell hoch: Ein Saal voll bis zu den letzten Reihen machte sich für die Interaktion mit den Slammern bereit.
Und schon betraten sie die mit Count-Down-Neonröhren ausgestattete, in dramatischem Rot beleuchtete Bühne: Simon Rehsche (Heimat Zürich), Dr. Rosa Kriesche (Serviceplan München), Ela Twardowska & Maciej Twardowski (Ogilvy Warsaw), Davor Bruketa (Bruketa&Zinic&Grey Zagreb), Paul Landauer (Luna TBWA Belgrade), Marie Maurer (Ogilvy London), Chris Toumazis (Ogilvy London)!

Die Gesellschaft der ÄrztInnen borgte uns die Location, ein Saal so elegant wie ein Theater mit Stuck und Galerie im Stil der Rennaissance (italienischer Klassizismus) aus 1843. Die ungewöhnlich vielen Schiebentüren rund um das Parkett wurden nun, um 19h, geschlossen – ursprünglich waren so viele installiert worden, damit die ÄrztInnen während der Veranstaltungen in den letzten 160 Jahren rasch zu ihren Notfällen laufen konnten.
Wir aber starteten in einen spannenden Abend, um bis zum Ende und der Siegerehrung zu bleiben: #stratslam2018

Sonja Prem und Ulli Helm erklärten den Hintergrund des Abends: “Let’s make strategical achievemets visible in a fun way! Together with the Account planning group of Switzerland.” Und sie erklärten die einfache Regel: In neun Minuten dürfen die Slammer ihre Cases präsentieren. Dauert eine Präsentation länger, gehen die Lichter aus. „Good things happen, when good people meet“, versprach Niki, der sich für das Privileg bedankte, diesen Abend mit den herausragendsten StrategInnen Europas zu verbringen.

Slammer #1: Chris Toumazis (Strategist Ogilvy London): NCS – Change your summer!
Jury quote: “Smart, positive and certainly powerful.”

“A problem well put is half solved”, wir müssen also immer wieder nach dem “warum” fragen, ganz wie ein Kind. Und so entsteht aus „Daddy has to go to work” – “because we doesn’t want to live on the streets.“ Oder man erfährt durch das immer wieder hinterfragen, dass die Maschine kaputtging, weil sie keinen Filter hatte.

Das „National citizen service“ hatte Probleme mit der Zahl seiner Sommercamp-Anmeldungen. Warum? Nicht genug Leute dachten, die Ausflüge wären etwas für sie. Also sollte die Marke „cooler“ positioniert werden. „Change your summer“ als Kampagne verwendete einen coolen, zeitgemäßen Stil und wurde ein großer Erfolg. Der Trick: was riskant ist kann am meisten bringen. Frag immer nochmal nach dem Warum. Wenn du das Problem hinterfragst wie ein Kind, dann kommst du schon zur halben Lösung.


Slammer #2: Ela Twardowska & Maciej Twardowski (Ogilvy Warsaw): Bialowieza Forest
Jury quote: “A serious problem intelligently tackled.”

Die Niagara Fälle als riesige Sehenswürdigkeit ist die Nummer 1 Location um ein Selfie zu machen. Aber würde die Presse kommunizieren, diese Sehenswürdigkeit könnte geschlossen werden um ein Kraftwerk zu bauen, wären Menschen traurig. Genau das passierte einem Ort in Polen. Nur: Niemand kannte den Ort, also war niemand traurig und so wollte sich auch niemand darum kümmern. Ein Wald war bedroht aber die Regierung reagierte nicht auf die Proteste von Wissenschaft und NGOs. So kamen die „future voters“ ins Bild: Wie kann man zukünftige WählerInnen für ein politisches Problem und Vorhaben aktivieren? Bialowieza Forest wurde als 1:1 mindcraft Karte virtuell nachgebaut. Die Gaming Community reagierte sofort positiv und emotional auf „the last tree standing“, Schulen nahmen das Thema auf. Dann wurde der Wald aus mindcraft entfernt, nur noch 1 Baum blieb stehen. 170.000 Petitionen wurden unterschrieben, 100 Millionen Menschen wurden erreicht. Greenpeace hatte schließlich Erfolg. „If you can change the world by playing games, then you can do everything.“


Slammer #3: Davor Bruketa (Bruketa&Zinic&Grey Zagreb): The Tunnel
Jury quote: “Good setup and an interesting differentiation approach.”

Davor Bruketa meinte, seine Probleme mit Emotionen zu haben. Ob jemand Banken lieben würde, beantworteten drei Personen aus dem Publikum mit Ja. Stolz auf Banken zu seinen sagten zumindest sieben. Alle anderen würde diese Branche also egal sein. „Brand is 100% Emotion!“ Also brauchte der Kunde aus der Finance Industry, eine kroatische Versicherung, eine Image Campaign. Kroatische Versicherungen haben eine lange Geschichte und so wurde eine Ausstellung zu 130 Jahren kroatischer Geschichte konzipiert, aber außergewöhnliche KünstlerInnen einzuladen waren nicht genug. Normale Menschen mit normalen Problemen passten viel besser zu Versicherungen, also fragte man sich: Wie können nicht berühmte sondern ganz normale Menschen kroatische Geschichte schreiben? Private Erinnerungen wurden in Social Media eingereicht und in real time wurden diese in einer Event Location projeziert. #wewriteourhistory: Everyday Heroes schrieben in einem 400 Meter langen Tunnel aus dem zweiten Weltkrieg persönliche Geschichten der Großeltern, posteten Familienfotos und vieles mehr – und gestalteten so die meistbesuchte Ausstellung Kroations.
#wewriteourhistory – Was immer passiert, wir sind immer an eurer Seite – Croatia Versicherung.


Slammer #4: Dr. Rosa Kriesche (Serviceplan München): Beck‘s
Jury quote: “Rock solid thinking and right insight for young adults.”

Wie eine Marke wie Beck’s für Millennials wieder an Bedeutung gewinnen kann? Eine Welt voller Möglichkeiten heißt, dass Freiheit selbstverständlich ist. Aber Entscheidungen zu treffen ist schwierig. Doch: Millennials können normale Momente durch ihre Entscheidungen in großartige Momente verändern. Der Insight hinter Beck’s Kampagne: „Erst mit dir wird’s legendär“. Vom Storytelling zum Storydoing verstand Serviceplan aber so, dass Menschen sogar ihr eigenes Bier kreieren sollten: Pflanzen wachsen besser wenn man mit ihnen spricht. Für die Kampagne und das „Soundpils“ wurden Mikros in mobilen Studios aufgestellt – vor Clubs, in den Großstädten – und Hopfenfelder mit riesigen Anlagen ausgestattet. Die Millennials waren eingeladen, ihre Botschaften an die Pflanzen ins Mikro zu sprechen und die „Übertragung“ wurde gefilmt und beworben.
Schließlich wurde mit den beschallten Hopfen-Pflanzen das „Soundpils“ gebraut. Eine Inszenierung für die Millennials, die mitgeholfen haben.


Slammer #5: Paul Landauer (Creative Director, Luna TBWA Belgrade): McDonald’s
Jury quote: „Good insight, well woven together with the brand heritage.“

McDonald’s war immer schon ein guter Arbeitgeber mit flexiblen Arbeitszeiten, Weiterbildung, aber man fand nicht mehr genug BewerberInnen. Etwas war nicht mehr in Ordnung. Um das Kernproblem zu erkennen, beschäftigen sich die StrategInnen also wieder mit der Vision von Ray Kroc, dem „Gründer“ von McDonald’s: Er hatte alles auf ein Ziel ausgerichtet – immer die gleiche Qualität zu liefern, immer das gleiche Produkterlebnis zu bieten. Das kann nur gelingen, wenn man Prozesse standardisiert. Mit dieser Standardisierung ist jedoch auch verbunden, das sich die Angestellten in einem sehr rigiden System bewegen, ohne Raum für Individualität. Die Folge: MitarbeiterInnen werden nicht als Menschen sondern vielmehr als Roboter wahrgenommen. Keine sehr aktivierenden Aussichten für zukünftige KollegInnen! Um dieses Problem ehrlich und authentisch zu lösen, wurden viele Interviews mit aktuell Angestellten geführt – und über alles durfte gesprochen werden, nur nicht über eines: McDonald‘s. Mit dieser Einschränkung wurde ein Raum geschaffen, in dem sich die MitarbeiterInnen als Menschen öffnen konnten. Die Agentur erfuhr erstaunliche Geschichten und erkannte leidenschaftliche Persönlichkeiten hinter den Angestellten in Uniform. Mit dieser „Marktforschung“ wurde der Grundstein für das Kampagnenziel gelegt: Humanize McDonald‘s.

Die Kampagne lief an, sie konnte große Gefühle vermittelt, es wurden mehr Burger verkauft, obwohl in diesem Zeitraum keine Produktwerbung gemacht wurde. Und: McDonald‘s erhielt in einem Monat so viele Bewerbungen wie sonst in sechs Monaten. Der Beweis: Menschen bewegen Menschen.


Slammer #6: Marie Maurer, Strategy Director, Ogilvy London: Time to change – be in your mates corner
Jury quote: “Very well done to talk to the mates and not to the person concerned.”

Menschen mit geistigen Krankheiten werden stigmatisiert, und gerade in Großbritannien in der Presse schlecht behandelt, sogar dämonisiert. Prinz Harry erzählte von den Problemen die er nach Diana’s Tod hatte, die Sun machte sich lustig. 75% der männlichen Erkrankten gehen nicht in Behandlung. „Be in your mate’s corner“ inszenierte also im TVC einen „starken“ Mann als Betroffenen und Freunde, die ihm halfen. Gleichzeitig ruften Anzeigen Männer ganz konkret auf, ihre Freunde zu unterstützen:

Vermisst du einen Freund am Tisch? Melde dich bei ihm.
Let’s end the stigma. Understanding saves lives.


Slammer #7: Simon Rehsche (Heimat Zürich): Bank Cler
Jury quote: “Excellent from strategy to execution.”

Bank Cler – Time to talk about money: Breaking conventions in the financial industries.
Desire – Begierde auszulösen – ist das Ziel von StrategInnen. Wie können wir kategorisieren, was wir erleben, um Begierde zu erzeugen? Man kann die Welt in zwei Teile einteilen: Dinge auf die wir warten, und andere auf die wir nicht warten. Worauf wartet ein Fisch? Wie fühlt es sich an, zu warten, zu meditieren? Spontane Gespräche, Fernsehserien sind schöner wenn wir sie gar nicht erwartet haben. Compliance und Challenge – was ist wohl spannender? In der Schweiz wartete also niemand auf eine neue Bank, es gab schon 253. Wie kann man also eine neue Bank in der Schweiz launchen? Vertrauen, Sympathie reichen nicht, damit KundInnen ihre Bank wechseln würden. Daher versuchte es Heimat Zürich anders und fragte sich: Worauf warten die Menschen NICHT? Man fragte sie, wieviel Geld sie verdienen!

„Bank Cler makes money the most normal thing“ brachte eine straighte Kampagne zutage: „Dieses Billboard kostet uns 738 Franken, wir wollen damit Ihre Aufmerksamkeit. Die haben wir jetzt.” Und ein frecher Spot inszenierte ein Begräbnis mit einer Familie, ganz in Schwarz, für die Message: „Time to talk about money.“

„Ist es erfolgreich, etwas zu wagen, das Menschen nicht erwarten? Ja, ist es!“


Und der Gewinner: Simon Rehsche (Heimat Zürich) für Bank Cler und dafür, etwas Unerwartetes zu wagen!

Es regnete Konfetti, es tobte der Applaus im glänzenden Saal. Und am Ende gab Niki Ernst noch einen „Life hack for conferences“ mit: „Open 2s“ und „open 3s“ zu bilden lohnt sich beim Kennenlernen zwischen Bar und Buffet! Offen zu sein für eine dritte und vierte Person in der Runde! Die Gespräche, die Stimmung waren vorzüglich, die Partygäste feierte den Strategy Slam im erwürdigen Billrothhaus bis Mitternacht. Ein Hoch auf die Strategie! Danke für’s Dabeisein!

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