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Aktuell: #7 Hildegard Linsbauer
Differenzierung kommt von Differenz.
Oder: Kann man das auch anders sehen?

Differenzierung kommt von Differenz.

Sommer in Wien. Ein herrlicher Sonntagvormittag, an dem drei japanische Touristinnen am Kohlmarkt tief in die Hocke gehen, um die Straße zum Stativ für ihre Smartphones zu machen. Das Zielobjekt (wie könnte es anders sein) der Blick auf Michaelerplatz und Hofburg. Eine an sich unspektakuläre Szene, wo es doch sicher schon unzählige Aufnahmen genau davon gibt. Und trotzdem interessant aus strategischer Sicht! Denn die drei Japanerinnen wählen zwar ein beliebtes Motiv, aber eine andere Perspektive.

Wer neugierig bleibt und ganz bewusst andere Blinkwinkel zulässt, wird belohnt: Denn er wird mehr sehen. Oder etwas erkennen können, das anderen verborgen bleibt, die strikt ihrem Weg folgen ohne links und rechts zu schauen.

Wir sind es schon gar nicht mehr gewohnt, andere Perspektiven und Ansichten ohne Vorbehalt zu hören oder gar anzunehmen. Es ist ja auch irgendwie unangenehm und unbequem und kostet noch dazu Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Wer will das schon? Also starren wir das zu lösende Problem lieber aus nächster Nähe an, statt einen Schritt zurück zu gehen, um das Gesamtbild und die Zusammenhänge besser erkennen zu können.

Eine andere Perspektive zu wählen, kann aber unseren Blick schärfen und überraschende, entscheidende Aspekte für die Strategie aufzeigen. Und genau das ist essenziell, denn Differenzierung ist der Schlüssel zum Erfolg.

Je härter der Wettbewerb, desto wichtiger ist es, sich von anderen Angeboten zu unterscheiden. Als Unternehmen wie als Marke gilt es, herauszustechen und dem Kunden ein wertvolles Motiv bei der Entscheidung für uns (und somit gegen alle anderen) zu liefern. Das braucht Mut, aber zuallererst die Bereitschaft, Gegenargumente und kritische Fragen zuzulassen. Idealerweise findet sich dieser fruchtbare Widerspruchsgeist ohnehin in der Unternehmenskultur, falls nicht, sollte er zur fixen Größe im Strategieprozess erhoben werden.

So verlockend es sein mag: Suchen Sie nicht nur nach Befürwortern Ihrer Strategie, vielleicht trauen die sich nicht, eine andere Meinung zu vertreten oder wollen lieber gefallen als sich einer Diskussion stellen. Beziehen Sie die Standpunkte konstruktiver Kritiker in Ihre Überlegungen ein, auch wenn diese auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mögen. Nützen Sie andere Perspektiven – wie die drei Japanerinnen. Das bringt Sie weiter und verschafft Ihnen einen Vorsprung. Versuchen Sie es!

Autorin: Hildegard Linsbauer ist Gründungsmitglied von STRATEGIE AUSTRIA und arbeitet als freie Strategin mit Unternehmern, Markenverantwortlichen und Kreativagenturen für erfolgreiche Kommunikation. Der größte Spaß an der Sache sind die Antworten auf „Wo liegt der Unterschied?“ und „Ergibt das ein gutes Motiv?“.

​​Illustration: www.lanalauren.design