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Ein Gedanken-Spiel

Im Oktober 2019 wurden beim Strategie Cuveé der Strategie Austria neun strategische Skills der Zukunft definiert. Einen ersten Einblick in die Ergebnisse konnte man sich beim Preview im November verschaffen und das Feedback war ausgesprochen positiv. Nur eine Frage blieb offen: Wie kann man diese Skills lernen? Die Antwort darauf hängt natürlich sehr von der persönlichen und beruflichen Umständen ab, aber es gibt eine Übung, die immer Sinn macht: Brettspiele Spielen! Moderne, intelligent designte Brettspiele machen nämlich nicht nur unglaublich viel Spaß, sondern vermitteln langfristig auch viele der Fähigkeiten, die StrategInnen in Zukunft brauchen werden. Ich habe das an mir selbst und in meinem Umfeld in den letzten Jahren beobachten können und möchte in diesem Impuls anhand einiger Beispiele diese Erfahrungen teilen.

Spiele definieren genau wie Briefings ein klares Ziel, eine Challenge, die wir auf dem Weg dorthin überwinden müssen, Ressourcen, auf die wir zurückgreifen dürfen, Prozesse, die wir beeinflussen können und Regeln, die uns sagen, wo der Spaß aufhört. Um ein Spiel zu gewinnen oder ein Briefing zu knacken braucht es eine strategische Kernkompetenz: Intuition auf Basis von Erfahrungen mit Menschen, Kulturen und dem Unberechenbaren. Durchs Spielen sammeln wir zwischenmenschliche und interkulturelle Erfahrungen, lernen mit Unvorhersehbarkeiten umzugehen und eignen uns eine gesunde Fehlerkultur an.

Auch Storytelling-Skills werden in Zukunft immer wichtiger und dafür eignen sich Pen & Paper Games wie Dungeons & Dragons besonders gut, denn sie sind nichts anderes als kollaboratives Storytelling, bei dem sich die eigene Fantasie mit den Geschichten der Mitspieler vermischt. Der “Game Master” gibt dabei mit Hilfe von Spielregeln und Würfeln dem Geschehen einen physikalischen, kulturellen und oft auch ethischen Rahmen und fordert mit Improvisation und Empathie die Kreativität der Gruppe heraus. Durch diese Art von Spielen haben wir die Chance, Storytelling nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern im direkten Austausch zu üben und die Reaktionen noch im Prozess zu erfahren.

StrategInnen sind Langfrist-Denker, die oft das Gefühl haben, gegen die Kurzfrist-Denker zu verlieren. Durch Spiele können wir erkennen, dass mehrere Werte im selben System existieren und es darauf ankommt, welche Punkte am Ende den Sieg bringen. Gewinnt die beste Marke? Gewinnt das meiste Geld? Oder geht es eigentlich um Ruhm und Anerkennung? Welches Spiel wird hier eigentlich gespielt? Spiele ich für mich selbst, für mein Team oder für das ganze Unternehmen? Spiele können dabei helfen, Erfolg genauer zu definieren und zu entscheiden, ob diese Definition zu den Spielregeln unseres Arbeitsumfeldes passt.

StrategInnen sind auch bei vielen Change-Prozessen wichtige Akteure und beim Spielen können wir uns die intellektuelle, emotionale und organisationale Flexibilität bzw. die “Playfulness” aneignen, die bei großen Veränderungen nötig ist. Von genialen Abstract Games über kooperative Team-Spiele bis hin zu komplexen Strategiespielen bieten Brettspiele ein riesiges Spektrum an Themen und Erfahrungen und ich kann jedem strategisch arbeitenden Menschen nur empfehlen, dieses Potenzial zu nutzen und mehr zu spielen.

Autor: Pieter Owen (34) ist Vorstandsmitglied bei Strategie Austria und Gründer von Paradice Board Game Nights. Nach 10 Jahren in verschiedenen Werbeagenturen, folgte er seiner Leidenschaft und eröffnete im Jänner 2020 am Yppenplatz die Paradice Board Game Bar.

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