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Aktuell: #26 Hildegard Linsbauer
Strategie – Demokratie oder Diktatur?
Ein Streitgespräch über das Kräfteverhältnis von Strategie und Kreation.

Strategie – Demokratie oder Diktatur?

David:
Die Frage, ob man basisdemokratisch zu einem Ergebnis kommen kann, hat während der größten globalen Krise seit dem 2. Weltkrieg noch einmal an Bedeutung gewonnen. Gerade zu Beginn hat Europa manchmal sogar neidisch nach China geschaut.

Hildegard:
Ja, es macht ziemlich exakt den Punkt, dass irgendwann wichtiger wird, Entscheidungen zu treffen als Meinungen auszutauschen.

David:
Nur mit dem Unterschied, dass in den meisten Agenturen die Kreation und nicht die Strategie den Ton angibt.

Hildegard:
Man könnte eine Diskussion anstoßen, die genau dieses Kräfteverhältnis oder Prinzip hinterfragt. In (m)einer idealen Welt entsteht jede kreative Kampagne aus einer starken Strategie. Und jede gute Strategie trägt einen kreativen Zugang in sich. Ob die Strategie vom Strategen oder vom Kreativen oder vom Berater oder vom Kunden kommt, ob sie im Bauch oder datenbasiert im Kopf entsteht, ist dabei völlig unerheblich.

David:
Diese Diskussion läuft doch gerade schon. Weil die Digitalisierung alles – und damit auch die Vormachtstellung von reiner Kreation hinterfragt. Die viel gescholtene Aussage von Frank Thelen fasst es gut zusammen, vor allem, wenn man sie in der Gesamtheit liest: „Unsere Kinder sollten verstehen, wie ein Elon Musk oder ein Jeff Bezos denkt und handelt, und sich darüber im Klaren sein, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen.”

Hildegard:
Das ist gut, solange die Digitalisierung nicht dazu führt, Strategie noch einfacher mit Research gleichzusetzen. Und wenn man dann ein paar Daten analysiert hat, ist die Strategie auch schon fertig! Auf Kommunikationsstrategien trifft das so nicht zu, denke ich. Da braucht es Daten und Research. Aber vor allem ein gutes kreatives Sprungbrett.

David:
Ja, ich glaube nur, ohne Datengrundlage kommt keine Strategie mehr aus. Corona hat diese Entwicklung noch einmal unterstrichen, aber auch ohne das Virus hätten viele alte Herangehensweisen ausgedient.

Hildegard:
Umgelegt auf die Arbeit eines Strategen bedeutet das nach wie vor: Wirklich verstehen, worum es geht und das Wissen des Auftraggebers in die richtigen, relevanten Bezugssysteme setzen.

David:
Das wird auch betriebswirtschaftlich immer notwendiger. Und führt uns auch zum Anfang zurück: Vielleicht erübrigt sich die Frage „Diktatur oder Demokratie“, weil wie immer der Markt diktiert. Und der schreit nach mehr Strategie.

Autor*innen:

David Bogner hat die digitale Präsenz von VICE in Österreich entscheidend mitgeprägt und geholfen, es zu einem Medium mit 1 Million Unique Users pro Monat zu machen. Im Jänner 2018 gründet er gemeinsam mit Philipp Papapostolu papabogner — eine „Creative Consultancy for the Digital Age”. Zu den Kund*innen zählen Erste Bank und Sparkasse, A1 und die Arbeiterkammer.

Hildegard Linsbauer ist freie Marken- und Kommunikationsstrategin, Dozentin an der Werbe Akademie und Gründungsmitglied von Strategie Austria. Nach ihren Engagements in führenden internationalen Agenturen wie Lowe GGK oder DDB und in der VGN Verlagsgruppe News arbeitet sie heute wieder selbstständig und mit Begeisterung für Kultur, Handel, Gesundheit, Markenartikelindustrie, Finanz oder Institutionen.

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