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Aktuell: #27 Irina Nalis-Neuner
Tanz die Ambiguitätstoleranz
Ein sperriger Fachbegriff für eine Kernkompetenz in Krisenzeiten

Tanz die Ambiguitätstoleranz

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit Mehrdeutigkeit und Widersprüche auszuhalten. Diese Kompetenz wurde von der Psychologin Else Frenkl-Brunswick erstmalig in den 1950ern beschrieben. Auch aktuelle Studien zeigen, dass je eher Menschen fähig sind Mehrdeutigkeit zu tolerieren, desto eher zeigen sie kooperatives und pro-soziales Verhalten. Diese Fähigkeit, scheint mir auch für den Umgang mit der Pandemie zentral. Ob es um das Präventations-Paradoxon geht, die Debatten zwischen Wissenschafter*innen oder die kleinen Fehler im Alltag, die wir an Anderen und ehrlicherweise auch an uns selbst beobachten. Ambiguitätstoleranz hilft beim Dreiklang aus Vorsicht, Rücksicht und Nachsicht. Aber hilft sie auch für strategische Weitsicht?

It’s complicated.

Während in den ersten Monaten der Pandemie menschliche Größe, Geduld und auch Geschick im Umgang mit der neuen Situation sichtbar wurden, spüren wir zunehmend die Nebenwirkungen des Corona-Virus. Angst und Frustration, Orientierungslosigkeit und Depression sowie die info-demische Seite der Pandemie steigen teilweise schneller als Infektionsraten. Erschöpfung macht sich bereit: Zoom Fatigue, Privacy Fatigue, Maskenmüdigkeit und auch Change Fatigue.

Never let a good crisis go to waste.

Vor lauter Erschöpfung versuchen Manche das vielzitierte Schlaglicht das Corona auf die multiplen Krisen unserer Zeit wirft, schon wieder auszublenden. Andere sagen, jetzt ist nicht die Zeit Neues auszuprobieren. Ich frage mich, wann wenn nicht jetzt. Jetzt wo sichtbar ist, was nicht geht. Jetzt wo viele Leute aufzeigen, die Welt ist voller Lösungen. Cocreation oder „Collective Intelligence“, wo künstliche Intelligenz für soziale Innovation eingesetzt wird, sind nur zwei von vielen, zukunftsweisenden Beispielen, wo strategische Klarsicht in Analyse und Mission mit methodischem Know-how zusammenspielt.

Üben, üben, üben.

Innovation oder auch Exnovation, also das Aussortieren von Überholtem, ist nicht unanstrengend, aber das ist gute Strategie wohl nie. Ambiguitätstoleranz hilft den Veränderungsmuskel zu trainieren, den wir brauchen, um Neuland zu betreten, anstatt passiv-resigniert abzuwarten oder aggressiv-populistisch abzubiegen. Der österreichische Bundespräsident sagt: diese Krise wird nicht umsonst gewesen sein. Der Umgang mit dem Unbekannten und Widersprüchen ist nicht leicht, sich Fehler einzugestehen auch nicht. Aber wie sagt ein populäres Corona-Meme: Here’s a virus, practice.

Autorin: Irina Nalis-Neuner ist Psychologin und Strategin, kommt vom Techno und würde gern öfter in die Oper oder zumindest mal wieder tanzen gehen. Nach über zehn Jahren als Markenstrategin bei Ogilvy & Mather, Trendbüro und Jung von Matt in Hamburg und Wien, forscht und lehrt sie derzeit an der Universität Wien am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft. In ihrer Beratungstätigkeit arbeitet sie in der strategischen Marken-, Organisations- und Kommunikationsentwicklung, insbesondere zu Fragen zu sozialer Transformation. Irina ist eine Botschafterin der Wiener Initiative zum Digitalen Humanismus.

​​Illustration: www.lanalauren.design