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Aktuell: #22 Thomas Limbüchler
Warum es gut ist, Dilettant zu sein

Dilettantismus

Es ist heutzutage mehr denn je wichtiger Teil der Expertise eines Strategen, sich dilettantisch und schnell in fremde Sachgebiete einarbeiten zu können. Mit mindestens einem Fuß befindet sich ein Stratege immer auf einem Terrain, von dem er nichts weiß. Noch bedeutsamer wird diese Anforderung vor dem Hintergrund längst vorherrschender Bedingungen, durch welche Strategie noch mehr zur einer Disziplin des Grenzgängertums zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft wird – und mit Technologie kommt ein Faktor hinzu, der diesen Anspruch weiter verschärft.

Umgangssprachlich werden die Begriffe „Dilettant“ und „dilettantisch“ heute abwertend verwendet. Eine dilettantisch ausgeführte Tätigkeit wird gleichgesetzt mit unfachmännisch, unsachgemäß, fehlerhaft, stümperhaft oder oberflächlich ausgeführt. Tatsächlich aber waren über Jahrhunderte Dilettanten in der Kunst und Wissenschaft differenzierte Kenner, genaue Beobachter und Erneuerer – ohne eine formale, institutionalisierte Ausbildung. Benjamin Franklin, eigentlich Buchdrucker und Diplomat, erfand den Blitzableiter. Henrietta Swan Leavitt entdeckte 2.400 neue veränderliche Sterne und entwickelte außerdem die fotografische Messtechnik “Harvard-Standard”.

Die Kunsthisotrikerin Christine Heidemann setzte sich mit Dilettantismus näher auseinander und untersuchte die Produktivkräfte für Wissenschaft und Kunst. Dabei stellte sie fest: “Durch einen Dilettantismus, der sich bisweilen interdisziplinärer Logik entzieht und etablierte Standards unterwandert, kann Neues entstehen; kann sichtbar werden, was zuvor unsichtbar war.

Denn Dilettanten sind Menschen, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben, aus Liebe, Vergnügen oder Interesse (diletto, ital.: Genuss, Freude).

Wie aber wird man Dilettant?

Um ein erfolgreicher Dilettant zu werden, muss man sich an die Tugenden erinnern, die den Dilettanten in seinem Ursprung ausmachen und die das Gegenteil von Oberflächlichkeit und Banalität sind: Genaue Beobachtung, Leidenschaft, Kennerschaft und die Offenheit für das Unerwartete. Diese Werte des Dilettantismus werden für Strategen heute mehr denn je zur Schlüsselkompetenz. Die neuen Kontexte, in denen sich Strategie bewegt, sind so vielschichtig, dynamisch und kurzweilig geworden, dass sie ihrerseits die Disziplin umformen und neue Ansätze entstehen lassen.

Gleichwohl Dilettantismus immer ein hohes Risiko des Scheiterns mit sich bringt, liegt genau in diesem Risiko seine Chance, indem man die bestehenden Sichtweisen in einem bestimmten Gebiet verlässt oder dessen Grenzen überschreitet. Strategen als Dilettanten können eine zentrale Rolle als Wegbereiter und Kritiker von Konventionen einnehmen.

Die nächste Frage kann daher nur lauten, wie kann man Dilettantismus kultivieren und methodisch nutzbar machen.

Autor: Thomas Limbüchler – vormals Team Lead Strategy & Digital bei PKP BBDO und DDB – beschäftigt sich neuerdings als Director of Branding & Marketing bei WeAreDevelopers mit dem vermeintlichen Fachkräftemangel in der Software-Entwicklung und unterstützt Unternehmen dabei, die Konventionen ihrer Recruiting-Ansätze von Software Developern zu überwinden.

​​Illustration: www.lanalauren.design