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Nachbericht "KI. Und jetzt?"

Wie Unternehmen KI einsetzen & wohin die Reise geht
Nachbericht "KI. Und jetzt?"
Stefan Schindele
Published on
19.9.2026
3
min read

Vier Speaker:innen, ein Podium, ein Vormittag in der Tabakfabrik Linz. Über 60 Teilnehmer:innen kamen am 18. September, weil Strategie Austria und Creative Region Linz & Upper Austria gemeinsam eingeladen hatten. Keine Folien-Strategie. Stories aus Unternehmen, die KI nicht diskutieren, sondern anwenden.

Ich habe moderiert, mit einem kurzen persönlichen Impuls eingeleitet und durch den Vormittag geführt. Der Aufbau war bewusst zweigeteilt: Zuerst die Praxis. Dann der Ausblick.

Regionalisierung mit KI. Stefanie Winkler-Schloffer, A1 Telekom Austria

Stupide Aufgaben wie Flyer-Erstellung laufen bei A1 heute inhouse, über einen selbst gebauten Flyergenerator, mit deutlich weniger Fehlern. Ein Mitbewerbsdashboard erfasst Anzeigen der Konkurrenz über alle Plattformen und den gesamten DACH-Raum. Besonders bemerkenswert: „Beatrix", ein KI-System, gefüttert mit sämtlichen Studienergebnissen, das als synthetische Zielgruppe funktioniert. Gerade dort, wo klassische Forschung an ihre Grenzen kommt, etwa bei jungen Zielgruppen. 300 Eye-Tracking-Studien trainieren das System darauf, Sujets und Videos automatisiert zu bewerten. A/B-Tests, so Winkler-Schloffer, werden dadurch zunehmend obsolet. Das Tool schlägt gleich die überarbeitete Version vor.

Wie es den Agenturen damit geht? Undramatisch. Die wegfallenden Aufgaben haben ohnehin niemandem Freude gemacht. Die Agentur konzentriert sich jetzt auf Markenentwicklung. Entschieden wird weiterhin im Team, nicht von der Maschine.

Content Supply Chain. Julian Leutgöb, Plan.Net

Leutgöb nannte es die „Application Adaption Gap": Die Anforderungen an Markenkommunikation wachsen exponentiell, klassische Produktionsworkflows kommen nicht mehr mit. Am Beispiel eines internationalen Retail-Kunden zeigte er eine durchgehende, KI-gestützte Content Supply Chain, von der Planung bis zur automatisierten Skalierung über viele Märkte. Das Ergebnis: 50 bis 60 % geringere Kosten, 15 % mehr Conversion über alle Kunden hinweg.

Aber Automatisierung ersetzt nicht die Konzeption. 80 % der Assets entstehen automatisiert. Das Master-Asset braucht trotzdem einen Menschen mit einer Idee. Jana David-Wiedemann, Präsidentin von Strategie Austria, fragte nach den organisationalen Voraussetzungen für diesen Wandel. Leutgöbs Antwort: Mindset zuerst, Struktur danach. „Aus zehn werden zwei, Produktmanager:innen werden zu Creator:innen."

Industrial-Grade AI. Sulejman Ganibegovic, KEBA Digital

Drei Säulen bei KEBA: Menschen, Produkte & Services, Prozesse & Abläufe. Der Anspruch an KI in der Industrie ist ein anderer als im Marketing. Was dort tolerierbar ist, ist es in der Fertigung nicht. Zehn Initiativen bei KEBA waren wertlos, bevor eine trug.

Bemerkenswert: On-Device-AI, lokal, ohne Cloud-Anbindung, für Gesundheitswesen und öffentlichen Sektor, wo Datenschutz keine Option, sondern Bedingung ist. Ganibegovics Satz zur digitalen Souveränität: „Wenn du ein API-Nutzer bist, bist du abhängig. Wir bauen das Modell. Das gehört dann komplett dir." Am Shopfloor: 30 % mehr Produktivität, aber nur, weil die Belegschaft das System als Assistenz erlebt, nicht als Bedrohung. „Human in the loop" nannte er keinen Kompromiss, sondern die Voraussetzung für den Erfolg.

Agentic Business Engineering. Stefan Erschwendner, Frontira

Die wichtigste Technologie der nächsten drei Jahre, sagte Erschwendner. Mit Coding Agents passt sich Software der eigenen Organisation an. Nicht umgekehrt. Seine „Application Capacity Gap" beschreibt eine Lücke, die wächst: zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was Organisationen tatsächlich umsetzen. Man spricht inzwischen länger über ein Projekt, als es braucht, es zu bauen.

Sein Appell: Wer nicht selbst baut, versteht nicht, was gerade passiert. „Holt euch Claude, baut eure Website, baut etwas für euren Sportverein." Führungskräfte, die selbst nicht gebaut haben, haben es in seiner Erfahrung durchgehend nicht verstanden. Und eine Warnung an Europa: „Wir müssen uns selbst zerstören, bevor es jemand anderer macht."

Hier der Link zur Präsentation von Stefan Erschwendner.

Podiumsdiskussion

Erschwendner, Winkler-Schloffer und Fred Mahringer, mittlerweile bei der Schönbrunn Group, diskutierten die offenen Fragen des Vormittags. Wie viele Arbeitsplätze fallen tatsächlich weg, und wie geht man ehrlich damit um? Wie bleibt man als Kontinent wettbewerbsfähig, wenn Europa nach Kosten fragt und die USA nach Wirkung? Und warum hat KI in Österreichs öffentlichem Diskurs, von den Sommergesprächen bis zu den Medien, bisher kaum stattgefunden?

Ein Gedanke blieb hängen: Effizienzgewinne sind, gemessen an dem, was noch kommt, das Kleinste an der ganzen Geschichte. Die eigentliche Aufgabe ist das Verlernen alter Systeme. Ohne fertiges Lastenheft, direkt mit dem Fachbereich, iterativ. Zugleich die Warnung vor der anderen Seite: Ein Mail-Agent mit vollem Postfach-Zugriff gehört nicht in den Automatikmodus.

Hier geht's zu den Veranstaltungsfotos!

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